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 Mein großer Kämpfer

 

 

Ich will über meinen Sohn Andre` schreiben..., nun sitze ich

hier vor meinen PC und überlege, wie und wo ich anfangen

soll. In meinem Kopf ist soviel was ich schreiben will, aber

es fällt mir schwer, einen Anfang zu finden.

Vielleicht fange ich einfach am Anfang seines Lebens an, so

beginnen ja meist die Geschichten.

 

Andre` wurde am 19.01.93 in Braunschweig, nachmittags um

14.40 h geboren. Im Gegensatz zu seiner großen Schwester war

er ein richtiger Proper. Er war 55 cm groß und 3750 g schwer.

Im Großen und Ganzen war mein Spatz ein sehr pflegeleichtes

Baby, nur mit dem Durchschlafen hatte er es nicht so. Das ge-

schah dann endlich mit 1 ½ Jahren J.

 

Er war ein sehr aufgeweckter, fröhlicher Junge, welcher ständig

in Bewegung war. Wiederum konnte er Stunden konzentriert

mit malen oder aber Basteln verbringen, darin hatte er sehr viel

Fantasie. Als Andre` dann mit drei Jahren in den Kindergarten

kam, war das eine große Umstellung für ihn. Die erste Zeit weinte

er immer, wenn ich wieder nach Hause ging und er da bleiben

musste. Aber das spielte sich dann schnell ein und er ging sehr

gern in den Kindergarten. Andre` brauchte nie viele Freunde um

sich, am liebsten war es ihm zu zweit oder dritt. Wenn die Gruppe

dann doch mal größer wurde, zog er sich meist etwas zurück.

 

 

Mit 6 ½ Jahren kam Andre` dann zur Schule, das war im September

1999. Er freute sich schon darauf, lernte er doch dann endlich lesen

und schreiben, und gehörte  somit zu den `Großen `.Ehrlich ge-

sagt hatte ich so meine Bedenken mit der Schule. Wie sollte dieser

kleine Wirbelwind, der ständig am erzählen war, ein paar Stunden

still auf seinen Platz sitzen können?! Ich war gespannt. Nun ja,

und wie das so ist, sollte ich eines Besseren belehrt werden. Als

ich eines Tages Andre` von der Schule abholte, kam seine Lehrerin

auf mich zu. Im ersten Moment dachte ich, oh oh, dein Sohn hat

was angestellt. Aber sie lobte  ihn, wie toll er am Unter-

richt teil nahm. Er wollte immer alles richtig machen und war immer

konzentriert bei der Sache. Wer hätte das für möglich gehalten? Ich

war richtig stolz.

Dann kam die Zeit, als Andre` öfter mit Blessuren nach Hause kam.

Im Oktober ist er beim toben auf dem Schulhof auf die Pflastersteine

mit seinem Kopf gefallen. Er hatte eine riesige Beule

an der Stirn. Da er sich zu Hause übergeben musste, bin ich sicher-

heitshalber zum Kinderarzt gegangen, um eine Gehirnerschütterung

auszuschließen. Der Doc meinte dann zu mir, das er Andre`

ja zur Sicherheit ins Krankenhaus zur Beobachtung schicken könne.

Aber da mein Sohnemann tierische Panik bekam, sagte ich

dann nein. Wenn noch etwas auftreten sollte, wie übergeben oder

Kopfschmerzen könne ich ja immer noch mit ihm ins Krankenhaus

fahren. Und es ging meinem Spatz auch gut. Der nächste Unfall

ereignete sich dann im Dezember. Er ist die Treppe hinunterge-

stürzt und ist mit dem Auge in die Türklinke gefalllen. Also hatte

er ein blaues Auge. Damals dachte ich, das er einfach zu tollpatschig

 war, er musste ja immer alles schnell schnell machen.

 

Tja, aber im Nachhinein wusste ich, das dieses schon erste Anzeichen

seiner Erkrankung waren. Auch hatte sich sein Schrift-

bild stark verändert, für mich sah es unordentlich aus. Er schrieb

über den Linien und im Ganzen sah die Schrift zittrig aus. Dabei

hatte er immer viel Wert auf Ordentlichkeit gelegt. Auch mit dem

Lesen bekam er Schwierigkeiten. Ich hatte dann mit ihm geschimpft,

das er sich doch mal wieder mehr konzentrieren solle. Im Nachhinein

tat es mir natürlich wahnsinnig leid, weil Andre` ja gar-

nichts dafür konnte, sondern der Tumor Schuld war. Aber zu diesem

Zeitpunkt konnte es ja keiner ahnen.

Mitte Dezember rief mich dann die Schule an und bat mich, Andre`

abzuholen, es ginge ihm nicht gut. Er klagte über Kopfschmerzen

und Übelkeit. Da noch zwei Kinder mit Bauchweh betroffen waren,

dachte man an eine Magen-Darm Erkrankung. Vom Kinderarzt be-

kamen wir dann etwas gegen die Übelkeit und ansonsten sollten wir

ihm Paracetamol nach Bedarf geben. Aber es veränderte sich nichts

wesentliches. Andre` wirkte sehr schlapp und klagte weiterhin noch

über Kopfschmerzen. So fuhren wir am Wochenende zum Notdienst,

aber auch dort konnte nichts festgestellt werden. Wahrscheinlich ein

Infekt. Toll!! Nichts half meinem Sohn. Montags sind wir dann wieder

zu unserem Kinderarzt gefahren, und wieder wurde nur ein Infekt

festgestellt.

Dann bin ich mit meinem Spatz zu einem HNO-

Arzt gefahren, vielleicht kamen die Kopfschmerzen ja von einer

Nasennebenhöhlenentzündung. Dieser Arzt gab uns dann ein

Medikament zum abschwellen der Nebenhöhlen mit. Anfangs sah es

auch so aus, als würde es etwas bringen, doch dieses war leider nur

ein Wunschdenken. Es ging unserem Spatz zusehends schlechter,

ich fühlte mich hilflos. Was war mit Andre`? Mittlerweile reagierte

er schon empfindlich auf Licht, was mich beunruhigte .. Da unser

Kinderarzt Urlaub hatte, fuhren wir zur Vertretung. Die Ärztin hörte

sich alles genau an, und untersuchte Andre` gründlichst. Im Übrigen

waren mittlerweile schon fast 2 Wochen vergangen. Die

Ärztin schloss eine Hirnhautentzündung aus. Sie nahm mehrere

Ampullen Blut ab. Dann schaute sie sich Andre` `s Augen genauer

an und stellte ziemlich große Pupillen fest. Sofort rief sie bei einem

Augenarzt an und bat um schnellstmögliche Untersuchung. Da es

schon sehr spät war, bekamen wir gleich für den nächsten Morgen

einen Termin. Die ganze Zeit fragte ich mich, was meinem Sohn fehlte.

Ich weiß noch, wie Andre` zu mir im Auto sagte:“ Mama, ich

lass alles über mich ergehen, wenn ich nur endlich wieder gesund

werde.“ Wie schlecht muss es ihm da schon gegangen sein! Denn

eines gab es , was Andre` überhaupt nicht mochte, und das war zum

Arzt müssen. Das ging so durch...

 

So fuhren wir also gleich am nächsten Morgen zum Augenarzt. Ich

hoffte inständig, das er uns sagen konnte was Andre` fehlte. Er stellte

einen Papilleninnendruck fest und überwies uns sofort ins

KH zur weiteren Klärung. Als ich ihn fragte, woher so was kommen

könne, meinte der Arzt, entweder durch eine Hirnhautentzündung

oder aber im schlimmsten Fall durch einen Tumor. Eine Hirnhaut-

entzündung konnte ja ausgeschlossen werden, und ein Tumor....,

diesen Gedanken ließ mein Verstand nicht zu, das konnte gar nicht

sein!

Als wir im KH waren, wurden mit Andre` noch Gleichgewichts-

übungen gemacht. Und was soll ich sagen..., es war Andre `kaum

möglich. Wir wurden dann ins nächste KH zu einer MRT-Kontrolle

überwiesen. Mein damaliger Mann fuhr mit Andre` im Kranken-

wagen mit und ich ging erstmal nach Hause, um unsere Tochter

zu informieren. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich Angst mitzufahren.

Vielleicht wollte ich so auch den Gedanken, es könnte was Schlimmes

mit Andre` sein, verdrängen. Ich weiß es nicht, zu diesem

Zeitpunkt wusste ich sowieso nichts mehr, ich begriff es nicht.

Etwas später rief mich dann meine Mutter an und sagte mir, das

Andre` im KH bleiben muss und sie mich gleich abholt. Als ich

sie fragte, was mit meinem Spatz sei, sagte sie mir, sie wisse es auch

noch nicht genau. Doch sie wusste es schon und wollt mich nicht

schon vorher beunruhigen, wobei ich das sowieso schon war. Als

wir dann im KH ankamen und das Zimmer betraten, saß mein Ex-

Mann weinend an Andre` `s Bett und mein Junior lag schon völlig

apathisch da, ich denke, er hatte überhaupt keine Kraft mehr sich

gegen irgendwas zu wehren. Ihm war wahrscheinlich schon alles

egal, hauptsache ihm möge irgendwer helfen können.

 

Als ich mir dann den grünen Zettel nahm der auf dem Nachtschrank

lag und das Wort TUMOR las, prallte das völlig an mir ab. So als hätte

ich meinen Verstand abgeschaltet.

Ich kann es nicht anders beschreiben. Ich dachte mir, gut, morgen wird

Andre` operiert und dann wird alles wieder gut. Wie dumm und naiv!

Aber wie gesagt, mein Verstand war ausgeschaltet. Mein Ex- Mann blieb bei

Andre` und ich fuhr zu unserer Tochter nach Hause. Am nächsten Morgen

fuhren mich meine Eltern gleich früh ins Krankenhaus. Andre `wurde

schon operiert. Bis heute mache ich mir den Vorwurf, das nicht ich in

dieser Nacht bei Andre` blieb. Ich war feige! Auch hatte ich im geringsten

keine Ahnung, was dieser Tumor hinterher angerichtet hat. Wir saßen

vor dem OP und warteten auf die befreiende Aussage, das alles gut ge-

gangen ist. Es sollten über 5 Stunden werden. Keiner der Ärzte konnte

uns sagen, welche Ausfälle Andre` behalten würde. Als wir dann endlich

zu ihm durften, sah er so friedlich aus, so als würde er schlafen..., wenn

man mal von den ganzen Schläuchen und Apparaten absah. Man sagte

uns, das der Tumor vollständig entfernt werden konnte, das war zu-

mindest schon mal eine positive Nachricht. Er saß im Kleinhirn des vierten

Ventrikel. Auch sagten sie uns, das sie Andre` erstmal im künstlichen

Tiefschlaf ließen, wegen der Schmerzen und damit er ruhig liege.  Man

konnte sich das alles gar nicht vorstellen, warum

geschah das auf einmal alles? Es war für mich einfach nicht zu verstehen.

 

Mein Ex- Mann und ich saßen rund um die Uhr an Andre` `s Bett. Bis die

Schwestern uns eindringlichst baten, uns doch wenigstens abzuwechseln.

Damit  wir uns etwas erholen konnten und auch für unsere Tochter da

sein konnten, denn für sie muss alles auch ein wahnsinniger Schock ge-

wesen sein... Daran dachte keiner in dem ganzen Durcheinander.

 

Nach drei Tagen Tiefschlaf wollte man Andre` nun langsam wach werden

lassen. Ich war gespannt, wie er reagieren würde, was er sagen würde.

Professor Sollmann nahm Andre` `s Hand und fragte ihn, ob er ihn hören

könne. Wenn ja, sollte Andre` seine Hand drücken. Das tat mein Spatz dann

auch. Ich war schon mal erleichtert. Nun sollte er versuchen, seine Augen zu

öffnen. Andre` versuchte es, aber man merkte sichtlich, das es ihm schwer

fiel. Als er sie dann richtig aufbekam, erschrak ich. Seine Augen rollten

einfach nach unten weg. Als ich den Arzt fragte, was das mit seinen Augen

sei, sagte er mir, das das von der OP käme, es sich aber noch etwas bessern

würde mit der Zeit. Andre` konnte mit seinen Augen keinen festen Punkt

fixieren, sie rollten immer rauf und runter, ich sage mal wie nervöse Augen.

Aber das wichtigste für mich war erstmal, das er ansprechbar war und alles

verstand. Was Andre` für einen Tumor hatte, konnte man uns noch nicht

sagen. Ich hoffte, das es kein bösartiger  war. Aber ich hatte leider

vergebens gehofft. Es war ein Medulloblastom.

Andre` sprach noch immer nicht. Als ich den Arzt danach fragte, warum

das so sei, erklärte man mir, das Andre` ein sogenanntes `Durchgangssyndrom `

hatte und das durchaus normal nach solch einer

schweren OP sei.

Nach einer Woche neurologischer Intensiv kam mein Spatz auf die Kinder-

intensiv. Das war wohl mit die schlimmste Woche für mich. Da er oft schrie

und sich gegen alles wehrte, bekam Andre` gepolsterte Bettgitter. Und er

wurde aufgrund dessen ständig ruhig gestellt. Dann lag er nur wie ein

Häufchen Elend apathisch da und seine Augen rollten immer rauf

und runter, rauf und runter. Es war einfach schrecklich für mich, das

mit ansehen zu müssen! Was war aus meinem kleinen Temperamentbolzen

geworden?! Warum musste ihm so was Schreckliches passieren? Aber

diese Frage kann dir keiner beantworten.

Andre` hatte die ganze Zeit über Fieber. Man holte Professor Sollmann

hinzu. Er beschloss bei Andre` eine Knochenmarkspunktion durchzu-

führen, um zu sehen, ob eine Entzündung vorlag. Aber es war alles i.O.

Wahrscheinlich kam das Fieber durch Andre` `s ganze Aufregung. Mein

Gott, wie muss es meinem Spatz ergangen sein?! Erst als Professor Sollmann

anwies, Andre` nicht ständig ruhig zu stellen – schließlich sollte er ja wach

werden – besserte sich sein Zustand. Einige Tage später reagierte Andre` sogar

mit leichtem, vorsichtigem Kopfnicken, als ich ihn etwas fragte. An diesem Tag

ging ich so happy nach Hause, stellte seid langem mal wieder Musik an und

berichtete meiner Tochter davon. Am Nachmittag wollte sie nun endlich mal

mitkommen  ihren kleinen Bruder besuchen. Seid der OP hatte sie ihn noch

nicht wieder gesehen. Sabrina hatte Andre` einen Kuschelfrosch gekauft,

welcher Musik machte, den wollte sie ihm mitbringen. Wir freuten uns beide

schon, schien es doch langsam bergauf zu gehen. Als wir dann am Nachmittag

zu ihm gingen, lag ein kleines Mädchen mit im Zimmer.

Und als wir dann an seinem Bett standen, lag er wieder wie apathisch da,

guckte zur Decke und seine Augen rollten nur rauf und runter.

Er bekam wieder nichts mit, er wurde wieder ruhig gestellt. Ich war so wütend

und fragte eine Schwester nach dem Grund. Andre` hatte wieder geschrien

und um sich geschlagen. Der Grund dafür lag daran, das die Kleine laut an-

fing zu weinen als sie wach wurde. Also muss es für meinen Sohn unerträglich

gewesen sein, wenn es laut wurde.

Auf jeden Fall war es für meine Tochter

schrecklich ihren Bruder so zu sehen. Sie weinte fürchterlich und wollte nach

Hause.

Ja, ich glaube das war für uns alle die schlimmste Zeit in dieser Woche.

 

Endlich kam der Tag, an dem Andre` auf die Kinderstation verlegt wurde,

unsere K5. Man merkte richtig, wie Andre` sich mit jedem Tag mehr er-

holte. Er kam langsam zur Ruhe. Noch immer konnte Andre` nicht sprechen,

aber er lächelte wieder, wenn wir unsere kleinen Geschichten erzählten, d.h.,

ich erzählte ja ständig. Man, was man sich alles einfallen lässt, um sein Kind

wieder lachen zu sehen. Es war einfach nur schön!

Bezüglich des Sprechens meinten die Ärzte das Andre` rein medizinisch schon

wieder sprechen können müsste, aber wahrscheinlich hatte er ein sehr

schweres Durchgangssyndrom.

Deshalb wurde auch erst 4 Wochen, statt 2 Wochen nach der OP mit der Be-

strahlung begonnen. Er sollte noch einwenig zur Ruhe kommen. Sein Zustand

besserte sich zusehends. Er lachte, trieb Scherze auf seine Art mit den Schwestern,

d.h. er schmiss seine Kuscheltiere aus dem Bett und die Schwestern hoben sie ihm

wieder auf. Und immer war ein dickes grinsen in seinem Gesicht. Vielleicht sollte

ich erwähnen, das Andre` auch nicht allein

sitzen oder laufen konnte. Oder aber er hörte sich rund um die Uhr seine

Lieblingsband DIE ÄRZTE an. Diese Musik hat er durch seine grosse

Schwester lieben gelernt, denn auch sie war ein großer Fan dieser Gruppe.

Andre` `s Zimmer glich eigentlich eher fast einem Kinder-, statt Krankenzimmer.

Es hingen viele Poster und Fotos an den Wänden, auch

hatte Andre` ziemlich viel Kuscheltiere in seinem Bett. Zwei die von Anfang an

dabei waren, waren Hein Blöd und Käpt` n Blaubär. Professor Sollmann

bezeichnete sie damals als Andre` `s Glücksbringer, hatten sie ihn doch

überall mit hin begleitet.

Andre` bekam jeden Tag Bestrahlung, außer an den Wochenenden. Er machte

immer toll mit, lag während des Vorganges immer ganz still, so

das er keine Ruhigmacher brauchte. Dafür lobte man ihn auch, denn

schließlich war Andre` gerade erst 7 Jahre jung geworden. Und ich denke,

das diese riesigen Geräte, eine Maske über dem Gesicht tragen zu müssen

für ein Kind ziemlich angsteinflössend sein können, zumal alle schnell

den Raum verlassen, die dicke Stahltür verschlossen wird und man allein

zurück bleibt. Im  Großen und Ganzen vertrug Andre` die Bestrahlung recht

gut. Manchmal war er danach allerdings immer etwas müde, oder aber seine

Blutwerte waren zu weit unten, dann wurde mal ein Tag ausgesetzt.

 

Als die Bestrahlung nach Wochen beendet war, hielt es unser behandelnder

Arzt, Dr. Eberl, für gut, erstmal zur Kur zu fahren um wieder einwenig Kraft

zu tanken und für die bevorstehende Chemo bereit zu sein. Denn zwischen

Bestrahlung und Chemo sollten mindestens 6 Wochen liegen, also passte der

Zeitpunkt gut.

So fuhren wir also in den Schwarzwald in die Katharinenhöhe. Die Fahrt

dort hin war für meinen Spatz ziemlich anstrengend. Obwohl wir von der

Krankenkasse einen speziellen Kindersitz bekamen, fiel Andre`das lange

Sitzen schwer.

Die Kur selbst war für uns alle eine Erholung, man konnte sich dort mit

anderen Betroffenen austauschen. Jedoch war es für Andre `auch ein

ganzes Stück Arbeit. Täglich bekam er KG und Ergotherapie. Aber die

Arbeit hatte sich gelohnt! Er schaffte es, den Rollstuhl allein im Haus zu bewegen,

Wie stolz er war, wenn er durch den Frühstücksraum rollte und

alle ihn lobten, wie prima er es machte.

Was mich aber am meisten freute, war, das mein Junior wieder anfing zu

sprechen, wenn auch langsam und zittrig in der Stimme. Nach 3 Monaten

endlich wieder sprechen...., WAHNSINN!

Eine besondere Freude für uns alle war, das in der letzten Kurwoche mein

Bruder und Schwägerin vorbeikamen. Es war grad zur Osterzeit, sie versteckten

bunte Eier und kleine Geschenke mitten im Wald. Das war na-

türlich was für unsere beiden Kiddis. Für die Abwechslung waren wir echt

dankbar.

 

Das Ende der Kur stand bevor und der Gedanke an die bevorstehende Chemo

stand wieder im Vordergrund. Gott sei Dank hatte Andre` in diesen 4 Wochen

große Fortschritte gemacht.

Im Ganzen sollte Andre` dann 8 Chemoblöcke bekommen, sie bestand aus

Vincristin, Lomostin und Carbonplatin. Im Grossen und ganzen vertrug er

alles den Umständen entsprechend gut. Jedoch, um so mehr Blöcke geschafft

waren, desto schlechter erholten sich Andre` `s Thrombos. Um kein Risiko

einzugehen, bekam er dann letztendlich nur 6 statt 8 Chemoblöcke. Irgend-

wie waren wir erleichtert, am meisten aber wohl Andre`.

Unser Sohnemann hatte in dieser Zeit stark abgenommen, er wog nur 19 Kilo.

Er hatte wenig Appetit, er sagte mal, das alles irgendwie nach Erde schmeckt.

Hinzu kam, das Andre` sich seid dieser OP öfter übergeben musste, einfach so .

Dies schien wohl eine Folgeerscheinung der Kopf OP gewesen zu sein.

Mein Spatz war sehr empfindlich geworden. Wenn etwas zu eng am Hals war ,er-

brach er, wenn er sich unter Druck setzte, womit auch immer, erbrach er. Selbst

wenn er aus vollem Herzen mal lachte, konnte es passieren. Das war für ihn

immer sehr unangenehmen, schließlich liefen die Gedanken in seinem Kopf

ja immer mit, es kann jederzeit wieder passieren, egal wo man grad war und

das kann sehr einschränkend sein. Aber er akzeptierte es..., was blieb ihm

auch anderes übrig?!

 

Nun waren wir also mit der Therapie fertig..., das war schon ein komisches

Gefühl. Wir mussten nicht mehr ständig ins KH, nur noch zu Routinekon-

trollen. So doof sich das anhört, aber irgendwie vermisste man es anfangs,

selbst Andre`. Man fühlte sich immer gut aufgehoben, gut versorgt, man hat

Freundschaften geschlossen, man war halt eine kleine Familie geworden.

Jeder wusste was man durchmacht, man saß halt in einem Boot. Und von heut

auf morgen beginnt wieder ein neuer Teil des Lebens..., wieder in die

Normalität finden, wenn sich diese nun auch einwenig verändert hatte.

Andre` kam auf eine Körperbehindertenschule. Anfangs dachte ich immer

noch, das er es bestimmt schafft in seine alte Schule zurückzukommen. Aber

dort wäre er untergegangen, mal abgesehen von den ganzen Hindernissen

die auf ihn zugekommen wären. Sabrina verließ das Gymnasium und wechselte

zur Realschule. Es war nicht einfach wieder in die alte Welt zu-

rückzukehren. Für mich war es eigentlich das Schlimmste, das die Menschen

mit mir über Andre` hinwegredeten, weil sie wohl dachten, er hätte auch

geistig etwas zurückbehalten. Dann schloss ich ihn immer wieder mit ins

Gespräch ein, damit sie sahen das er alles verstand und selbst antworten

konnte. Ja, es war nicht leicht die erste Zeit.

 

Aber es spielt sich irgendwann alles wieder ein. Um nicht zu weit auszuholen

und zu vertiefen schreibe ich nur einpaar Zeilen über die Trennung meines

Ex- Mannes. Er hatte sich seid Andre` `s Erkrankung stark verändert. Es war

einfach keine Harmonie mehr zu Hause. Er benutzte Sabrina für alles als

Blitzableiter, nichts konnte sie ihm mehr recht machen. So stritten wir natürlich

auch immer mehr miteinander. Wir litten alle darunter, am meisten

aber wohl Andre` , fühlte er sich dafür verantwortlich. Wie oft hat er sich für

seine Schwester eingesetzt, wenn sie mal wieder in ihrem Zimmer saß und weinte. Also

zog ich meine Konsequenzen und trennte mich von ihm. Ich habe diesen

Schritt nie bereut. Erschreckend für mich war, das ich meinte diesen Menschen,

mit dem ich 17 Jahre verheiratet war, zu kennen, aber das war ein

ganz großer Irrtum! Nun ja, das war nun dieses Kapitel.

 

Nun war ich mit meinen beiden Lieben allein. Und ich muss sagen, ich meisterte

alles recht gut. Andre` ging zur Schule und 3 mal die Woche

fuhr ich mit ihm zur Krankengymnastik. Die Fortschritte die er seid seiner

OP gemacht hatte, waren enorm. So konnte er wieder alleine sitzen, seine

Motorik wurde immer besser, er schaffte es sogar mit dem Rollator kurze

Strecken zu laufen und..., was mich eines Tages sehr erstaunte war, das mein

Spatz alleine zur Toilette ging. Er hatte seine eigene Technik gefunden ohne

auf Hilfe angewiesen zu sein. Er war damals richtig stolz.. Ja, mein großer

Kämpfer. Ich habe ihn immer bewundert, wie er all das hingenommen hat

und an sich gearbeitet hat. Denn was für ein Gefühl muss es sein, von heut

auf morgen all seine Fähigkeiten verloren zu haben und wieder ganz von vorn

anfangen zu müssen? Und akzeptieren zu müssen, das manches auch nie wieder

kommt, so sehr man sich auch bemüht und der Wille da ist. Für mich

ist das eine besondere Stärke die mein Sohn besaß.

Doch eines gab es, was Andre` nie hören wollte. Er wollte nie über seine Er-

krankung reden, wollte nichts davon wissen. Wenn ich mal vorsichtig davon

anfing, hielt er sich die Ohren zu und sagte ich soll ruhig sein. Also sprach

ich dieses Thema nicht mehr an, ich dachte er würde schon von allein kommen,

wenn er etwas wissen möchte. Ein einziges Mal stellte er mir dann

eine Frage als ich ihn ins Bett brachte..., ob jeder diese Krankheit bekommen

könne. Mehr nicht, das war es.

 

Wir drei hatten also unseren ganz gewöhnlichen Alltag wieder gefunden.

Wir redeten viel miteinander, lachten oder aber stritten auch schon mal.

Dann zog Sabrina irgendwann in eine WG. Das war schon ein komisches

Gefühl, ich sage mal..., dieses los lassen müssen. Aber es war ihr Wille und

so musste ich sie ziehen lassen. Für Andre` war es da wohl doch noch schwerer.

Auch wenn sie sich manches Mal stritten ( wie das bei Geschwistern

nun so ist ), hatte er doch eine sehr tiefe Bindung zu ihr. Ich denke, ihr

vertraute er manche Dinge an, die er mir nicht gesagt hätte. Oft denke ich

sowieso, das er mit vielem hinter dem Berg hielt, aus Rücksicht zu mir. Dabei

kennt man doch seine Pappenheimer und spürt, wenn seinen Lieben etwas

bedrückt. Denn  was mein Spatz wirklich misste, war das Laufen,

sich einfach mit seinen Freunden  treffen und ALLEIN draußen rumtoben

zu können. Ich weiß noch wie er mal sagte, das, wenn er jemals wieder laufen

könne, er alleine nach Mini Mal möchte um einzukaufen. Ja, ich denke wieder

laufen zu können war wohl sein größter Wunsch.

 

Wie gesagt, hatten wir unseren ganz gewöhnlichen Alltag. Ein Mal im Jahr

mussten wir zur MRT- Kontrolle und immer war alles gut. Welch ein Segen!

Vielleicht sollt ich noch erwähnen, das Andre` aufgrund der Bestrahlung

Schilddrüsen- und Wachstumshormone nehmen musste. Für die Wachstums-

hormone hatten wir einen Pen, den wir jeden Abend in den Oberschenkel

spritzen mussten. Aber damit hatte mein Junior keine Probleme.

 

Ich hatte in dieser Zeit zwei Beziehungen gehabt, wenn man das überhaupt

so nennen konnte. Jedoch beendete ich diese, da ich für mich und meine

Kinder einen verlässlichen Partner und Freund wollte. Und leider gibt es

nicht viele Männer, die mit solch einer Situation klar kommen auf Dauer.

Nun ja, ich schloss das Kapitel Männer erstmal für mich ab..., d. h. ich wollte.

Denn irgendwann erzählte meine Freundin von einem Bekannten, der auch

Single war. Eigentlich wollte ich nicht, doch dann war ich doch neugierig

geworden. Denn meine Freundin erzählte auch von Andre` `s Krankheit

und das er seitdem im Rollstuhl saß. Und seine Reaktion darauf war nur:“ Ja

und, da kann doch die Frau nichts für und das Kind schon gar nicht.“ Das

hat mich schon beeindruckt. Also war unser erstes Treffen am 05.01.06.

Tja, und was soll ich sagen, der liebe Axel hat nicht locker gelassen, denn ich

habe es ihm nicht leicht gemacht. Bei mir war einfach dieses Misstrauen da.

Aber  er hat wirklich gekämpft und dafür bin ich ihm bis heute dankbar. Andre`

und Sabrina kamen von Anfang an super mit ihm aus. Das war es was ich

wollte..., einen verlässlichen Partner für mich und meine Kiddis.

 

In Andre` bewegte Axel etwas völlig neues, er bekam Junior dazu mit dem

Rollator knapp 3 Stunden in der Stadt rumzulaufen und auch in vielen

anderen Dingen. Andre` hatte eine verlässliche männliche Bezugsperson

gefunden, denn von seinem Vater kannte er diese Verlässlichkeit nicht.

Er hatte Axel sogar mal gefragt, ob er nicht sein Vater sein könne. Daran

sieht man, was Andre` sehr vermisst hatte. Das wichtigste war, das Andre`

sich immer auf Axel verlassen konnte, wenn er ihm etwas versprach, das

er auch Wort hielt. Das schätzte Junior sehr an Axel. Auch das er für Andre`

YU-GI-OH spielen lernte fand er Klasse. So hatte er doch außer seine

Schwester oder Freunde auch einen Ersatzpapa der mit ihm dieses Spiel

spielen konnte, denn mich schaffte er es nicht davon zu überzeugen J.

Wenn ich den beiden manchmal zuhörte, musste ich innerlich schmunzeln,

hätten dort doch auch zwei Jungen spielen können. Sie diskutierten, stritten

miteinander wer Recht hatte..., es war einfach zu schön zu sehen, wie mein

Sohn seid Axels Anwesenheit aufblühte und aus sich raus kam.

 

So hätte es doch immer weiter gehen können. Alle waren glücklich, es ging

uns gut..., wir waren eine richtig glückliche Familie. Aber leider passierte

was Schlimmes, etwas wo ich immer gesagt habe, ein zweites Mal würde ich

das nicht durchstehen. Wir hatten die alljährliche MRT- Kontrolle. Es war

Mai 2006. Natürlich war ich wie jedes Jahr wieder aufgeregt und froh, wenn

alles vorüber war. Doch dieses Mal entdeckten die Ärzte einen kleinen Punkt.

Da man noch nichts Eindeutiges sagen konnte, sollte im Juli eine Verlaufs-

kontrolle gemacht werden. Mein Gott..., ich hoffte inständig, das es kein Re-

zidiv war. Jetzt, wo es uns allen richtig gut ging, wir alle glücklich waren,

musste es eine solch schlechte Nachricht geben?! Es war so ungerecht. Aber

was ist schon gerecht? Im Juli folgte also die Verlaufskontrolle und der

kleine Punkt war auf ca. 1,2 cm gewachsen. Nun war es also gewiss. Andre`

hatte wieder einen Tumor! Man wollte mit Würzburg in Verbindung treten

und sich dann bei mir melden wie es weiter geht. Was einem alles durch den

Kopf ging..., es war schrecklich. Ich musste an Andre` denken, wie würde er

reagieren? Alles fing wieder von vorn an für ihn. Doch wie damals auch

reagierte er nicht groß darauf und benahm sich wie immer. Warum fragte

er nichts? Ob er keine Angst hatte? Was ging wirklich in ihm vor? Ich

hätte so gern gewusst wie es  in seinem Inneren aussah, ich wollt

doch für ihn da sein. Aber er war stark und behielt es für sich..., mein

 Kämpfer. Bis nun endlich entschieden wurde, war es mittlerweile

September. Bevor operiert wurde, sollte eine Lumbalpunktion gemacht

werden. Das geschah am 09. September. Nach der LP und ein paar Stunden

Aufenthalt im KH durften wir erstmal wieder nach Hause. Andre` ging

es gar nicht gut. Er schlief nur und war sehr schlapp. Am nächsten Tag

ging es ihm noch schlechter, sowie er einwenig hoch kam, musste er sich

übergeben. Er war völlig schlapp und war kreidebleich. Wir fuhren ins KH.

Sofort wurde ein Not -CT veranlasst. Als ich die Bilder sah, erschrak ich.

Der Tumor hatte eine ungefähre Größe eines Tischtennisballes angenommen.

Also war er in dieser kurzen Zeit enorm gewachsen. Andre` wurde gleich

am nächsten Tag operiert, es war der 11. September 2006. Dieses Datum

werde ich nie vergessen. Über fünf Stunden dauerte die OP. Ich war

innerlich wie zerrissen. Was war nach der OP? Wird mein Spatz wieder

irgendwelche Ausfälle wie damals haben? Für uns hieß es abzuwarten.

Endlich durften wir zu Andre`. Als wir in die Intensiv kamen schlief er

noch. Kurze Zeit später öffnete Andre` die Augen und fing an zu weinen.

Er hatte noch den Beatmungsschlauch drin, und das störte ihn gewaltig...,

verständlicher Weise! Ich nahm meinen Spatz in den Arm und beruhigte

ihn, sagte ihm, das der Schlauch bald raus käme. Ich glaube, ein wirklicher

Trost war das für ihn nicht.

Das Ding kam dann auch raus..., wie erleichtert war ich, das Andre` sprechen

konnte. Auch sonst schien er keine weiteren Erschränkungen zu haben.

Ich war unsagbar froh, allein auch für meinen Spatz.

Am nächsten Tag durfte Andre` schon auf die normale Station, unsere K5

verlegt werden. Ein Segen für Junior, waren dort all die bekannten Gesichter.

Er, genau wie wir auch, fühlte sich wohl dort.

Er erholte sich erstaunlich schnell von der OP. Was besonders erfreulich war,

wenn man das in solch einer Situation überhaupt sagen kann, war, das Andre`

sein Übergeben verschwunden war. Man konnte ohne weiteres sein

Hals abtasten, was früher unmöglich gewesen wäre. Es ging Andre` richtig gut.

Kurze Zeit später wurde wieder ein Kontroll- MRT gemacht und leider hatte

sich ein Hämatom gebildet, so das Andre` ca. 2 Wochen später erneut operiert

werden musste. Die Narbe war grad so gut am verheilen gewesen..., aber was

soll` s, Junior musste da leider durch. Und er nahm es ziemlich gelassen hin,

zumindest nach außen . Es wunderte mich, wo er diese Stärke und Kraft hernahm.
Ein Kämpfer halt. Wir durften Andre` noch bis kurz vor den OP

begleiten und wir waren echt erstaunt, wie lustig er trotz allem drauf war.

Als er abgeholt wurde streckte er uns den Pistolenfinger entgegen und machte

das passende Geräusch dazu. Und das mit einem breiten Lächeln. Für mich

war es so, als wolle er uns auf diese Art sagen, wir sollen uns keine Sorgen
um ihn machen. Ja, es war wirklich bewundernswert!

Auch von dieser OP erholte sich mein Spatz sehr schnell.

 Am 04. Oktober sollte mit der Chemo- begonnen werden. Andre` bekam eine

96 Stunden Chemo-, welche aus Etoposid und Carbonplatin bestand.

Im Ganzen sollte Andre` 4 Blöcke bekommen. Am Anfang reagierte Junior

auf das Carbonplatin ,die Pumpe wurde dann etwas runtergeschaltet, bis

dann wieder auf die reguläre Dosis hochgeschraubt wurde. Aber im

Großen und Ganzen vertrug er dann alles recht gut. Mein Gott, nie hätte

ich geahnt, das alles so kommt, wie es gekommen ist. Der erste Block war

geschafft. In den Pausen dazwischen versuchten wir soviel wie möglich

mit Andre` zu unternehmen, das wozu er Lust hatte.

Der 2. Block folgte dann am 21. Oktober, wieder reagierte Andre` anfangs auf

das Carbonplatin. Leider gibt es keine Chemo- ohne Nebenwirkungen. Wie

hatte Junior immer gesagt? Da muss ich durch, jammern nützt nichts.

Wahrscheinlich war sein innerer Gedanke, umso weniger ich mich

gegen die Behandlung wehre, desto schneller habe ich es überstanden,

wer weiß?! Ich jedenfalls bewunderte ihn immer.

Er zog sein Ding durch und verlor nicht seinen Humor, hatte fast nie

schlechte Laune gehabt. Er verteilte an die Schwestern und den einzigen

Pfleger der Station Spitznamen, so z. B. Rosenblüte, Katzenfrau oder aber

sein Froschmann. Mit den Ärzten handelte er kleine Deals aus, wollte

für`s Spritzen oder Blut abnehmen Verbandsrollen oder Pflaster haben.

Dieser Wunsch wurde ihm dann natürlich auch erfüllt. Nie hat er sich gegen

irgendwas gesträubt, hat alles ohne murren mitgemacht. Ja..., so war er

immer. Meist gut gelaunt und freundlich, trotz der ständigen Strapazen.

Einfach nur bewundernswert.

Die Zeit verging und Weihnachten rückte immer näher. Wir freuten uns

schon, waren wir doch zu dieser Zeit zu Hause. So feierten wir gemütlich

mit Sabrina, die übrigens ein Baby erwartete, ihrem Freund und unsere

Wenigkeit. Es war richtig schön, ich sage mal für mich ein sehr intensives

Fest. Hätte mir damals jemand gesagt, das es das letzte Weihnachten mit

meinem Sohn wäre, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Selbst wenn man

weiß, wie hoch die Heilungschancen nach einem Rezidiv sind, war ich

der festen Überzeugung das mein Junior es auch dieses Mal wieder

überstehen wird. Es lief doch alles so gut!

Eine riesige Überraschung gab es da noch für uns, am meisten aber für

Andre`. Meine Freundin hatte uns die letzten Jahre immer wieder bei

FRÄNKIS WEIHNACHTSWUNSCH von FFN, einem Radiosender,

vorgeschlagen. Und so auch in diesem Jahr. Und was soll ich sagen?

Wir waren tatsächlich dabei! Ich konnte es gar nicht glauben, passieren

solch schönen Dinge doch nur anderen und nicht einem selbst. Ich war

wirklich aus dem Häuschen als Fränki eines freitags bei uns anrief.

Er wollte einwenig von unserer Geschichte hören und anschließend

mit Junior sprechen. Als er Andre` erzählte welche Überraschung sie

für uns hatten, liefen Andre` Freudentränen über das Gesicht. Denn

sein größter Wunsch war es einmal nach Dänemark ins Lego-

land zu fahren. Und dieser Wunsch sollte ihm nun erfüllt werden. Wir

waren einfach überwältigt. Dafür danke ich Susi noch heute!

 

Ja, das hatte Andre` damals erst recht aufgebaut durchzuhalten.

Er hatte ein Ziel vor Augen, etwas worauf er sich freuen konnte,

wenn alles abgeschlossen war.

Um seine Heilungschancen zu verbessern, sollte eine Stammzellen-

sammlung aus eigenen Stammzellen gemacht werden. Am 07. Februar

2007 wurde Andre` ein Leistenkatheter gelegt und am nächsten Tag

war dann die Stammzellensammlung. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte

6 Stunden im Bett liegen und mich abzapfen lassen müssen..., TORTOUR.

Aber so wie wir es von meinem Spatz nicht anders gewohnt waren zog

er es durch. Wir alberten sogar doll rum, wahrscheinlich auch um

alles erträglicher zu machen. Allerdings wurde Andre` die letzten

10 Minuten dann doch langsam ungeduldig, wollte er doch endlich

diesen Katheter los werden..., was man auch verstehen kann.

Die Ärztin lobte Junior, das er so tapfer durchgehalten hatte. Sie meinte

das sich manch ein Erwachsener ein Beispiel an ihm nehmen könne.

Nun hatte Andre` auch das geschafft.

Der nächste Chemoblock folgte am 14.02.07. Bis jetzt schien alles gut

zu laufen. Gott sei Dank! Ich war mir so verdammt sicher. ER SCHAFFT
ES AUCH DIESES MAL! Er zeigte der Krankheit was für einen Lebens-

willen er hatte.

 

Am 27. Februar 2007 erblickte meine Enkelin, Andre` ` s kleine Nichte

Franziska das Licht der Welt. Sie kam ein paar Wochen zu früh und

musste noch auf die Intensiv. Ich weiß noch wie gerührt Andre` damals

war als er die Kleine das erste Mal sah. Er hatte Tränen in den Augen.

Natürlich wollte er sich nichts anmerken lassen und überspielte es.

Es ist so schade, das Franzi ihren Onkel nicht mehr wirklich kennen

lernen durfte, er wäre bestimmt ein prima Onkel für sie gewesen.

 

Am 06. März war dann wieder MRT- Kontrolle und das Ergebnis riss mir

den Boden unter den Füßen weg! Trotz Chemo- waren neue Tumore ge-

wachsen. Ich dachte, das kann nicht sein, das darf nicht sein!! Mein Spatz

hat doch alles mitgemacht, war immer so tapfer, wieso musste das Leben

so ungerecht zu ihm sein? Es war nicht fair..., einfach nicht fair!

Nun sollte Andre` eine andere Chemo- bekommen, TEMODAL. Sie sollte

zumindest versuchen zu verhindern, das die Tumore weiter wachsen.

Was..., wie sollte ich es Andre` sagen. Wie würde er es aufnehmen?

Ich erzählte es ihm und die einzige Reaktion von ihm war:“ Aha, ist gut.

Dann lass mich mal jetzt weiter YU-GI-OH spielen.“ Mehr nicht, das war

es. Wieder ließ er sich nicht anmerken, wie es in seinem Inneren aussah.

Somit war nun auch seine Stammzellensammlung um sonst gewesen.

 

Kurze Zeit später mussten wir im KH bleiben, da Andre` ` s Entzündungs-

werte erhöht waren. Wir waren mittlerweile nun schon fast 2 Wochen dort

und so langsam war Andre` dann doch schon leicht genervt, wollte er

doch endlich mal wieder in seinem Zimmer spielen und zu seinem Hund

Lucky. Die Ärzte machten ihm dann eine kleine Freude und entließen

uns zumindest für einen Nachmittag nach Hause. Am Abend sollten wir

wieder kommen. Junior hat sich richtig gefreut. Kaum zu Hause, tobte

er erstmal mit Lucky. Die Wiedersehensfreude beruhte auf Gegenseitig-

keit. Dann setzte er sich auf sein Bett und holte all seine YU-GI-OH

Karten raus und sortierte sie. Alles schien prima. Doch als ich nach ihm

schaute und fragen wollte ob er etwas essen möchte, reagierte er irgendwie

nicht richtig. Er schien mich zwar zu verstehen, aber er guckte an

mir vorbei. Und mit einem Mal wurde ihm schlecht und er musste

sich übergeben. Danach sah er kreidebleich aus. Er kam kaum vom

Bett runter, seine linke Körperhälfte wirkte irgendwie wie gelähmt.

Wir fuhren sofort ins KH zurück. Dort angekommen bekam Andre`

einen zweiten Anfall. Sein Kopf zuckte immer zur linken Seite und

sein Blick war durch uns hindurchschauend. Die Ärzte erklärten uns,

das dieses Krampfanfälle waren. Wahrscheinlich war einer der Tumore

Auslöser dafür. Ich fragte mich, was dieser kleine Kerl noch alles

durchmachen musste. Nun wurde Andre` auch noch auf TRILEPTAL

eingestellt, ein Mittel um weitere Krämpfe zu verhindern oder aber

zumindest abzuschwächen . Junior

nahm auch das hin, schluckte seine Tabletten. Er war so

tapfer. Was muss er bloß alles in dieser Zeit gedacht haben?

 

Endlich kam der Tag, an dem wir wieder nach Hause entlassen wurden.

Mein Spatz wollte gleich mit Axel zum bummeln in die Stadt. Natürlich

wollte er sich neue YU-GI-OH Karten kaufen, was sonst! Er konnte es

kaum erwarten.

Happy kam er dann mit zwei neuen Decks nach Hause. Als ich ihn fragte,

ob er nicht langsam genug Karten hätte, meinte er nur, das ja ein Deck

für Sabrina zum Geburtstag wäre. Ich muss dazu sagen, das meine Tochter

erst im Juli Geburtstag hat. Aber Andre` meinte :“ Was ich habe, das habe

ich,“ verpackte das Deck und verstaute es in seinem Schrank. Hat er schon

längst vor uns geahnt was kommen würde? Ich denke ja, denn im Nachhinein

deuteten viele Dinge die er gesagt oder getan hat darauf hin. Aber in dem

Moment registriert man es nicht.., oder will es nicht.

 

Es war Mitte März als Andre` plötzlich eine geschwollene Lippe bekam.

Zuerst dachten wir, das es eine allergische Reaktion auf das Antibiotika

war, welches er nehmen musste. Die Schwellung ging dann über die ge-

samte rechte Gesichtshälfte. Es stellte sich aber raus das Andre` ` s

Schneidezähne entzündet waren und man wollte bei ihm eine Wurzel-

resektion durchführen. Ich hätte es ihm so gern erspart, aber die Ärzten

meinten, das es sein müsse, da sonst weitere Komplikationen während

der Chemo auftreten könnten. Andre` nahm das Ganze wieder gelassen

hin und meinte nur, das es eben sein müsse. Die Resektion wurde unter

Vollnarkose durchgeführt, es war der 23. März 2007. Es dauerte etwas

über 2 Stunden, ich empfand es als sehr lang für eine Zahn- OP. Aber

auch das hatte er nun geschafft. Wir durften kurze Zeit später wieder

zurück auf unsere Station. Doch dieses Mal ging es ihm nach der Narkose

nicht gut, sonst hatte er nie irgendwelche Probleme damit gehabt. Ständig

musste er sich übergeben. Und da er abends sein TRILEPTAL nehmen

musste, es aber wieder ausbrach, wurde ihm dann LUMINAL gespritzt.

Andre` schlief schon während des Spritzens ein. Irgendwie hatte ich

an diesem Abend ein komisches Gefühl im Bauch. Aber ich verwarf es

schnell und dachte, das es ihm am nächsten Tag bestimmt wieder besser

ging. Leider war es nicht so. Mein Spatz wurde nicht richtig wach, er

bemühte sich, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Ein Not- CT wurde

veranlasst und Andre` hatte Hirndruck.! Er wurde sofort auf die Kinder-

intensiv verlegt. Dort gab man ihm sämtliche Medikamente, die den Hirn-

druck verringern sollten. Zu diesem Zeitpunkt war Andre` schon nicht

mehr ansprechbar, man legte ihm ein Arterienkatheter ohne Betäubung.

Er bekam nichts mit. Das war auch der Moment, wo man uns darauf vor-

bereitete, das Andre` sterben könne. Ich verstand die Welt nicht mehr!

Einen Tag zuvor ging es ihm noch gut und nach der Zahn- OP stand es

ganz schlecht um ihn. WARUM?? Immer wieder ging mir durch den Kopf,

es ist nicht fair, es ist einfach nicht fair!

 

Wir fuhren zu unserer Station, ich wollte einpaar Sachen von meinem

Spatz holen. Ich war innerlich völlig aufgewühlt. Dann kam eine Schwester

auf uns zu, Andre` ` s Rosenblüte. Sie sagte uns das Andre` wach war.

Ich konnte es gar nicht glauben. Er muss wohl kurz nach dem Axel und

ich aus seinem Zimmer gegangen sind seine Augen geöffnet haben. Ich

war so überglücklich, hatte man doch noch vor ein paar Minuten die

schlimmste Mitteilung bekommen, die es für Eltern geben kann.

Mein Spatz, mein Kämpfer. Wieder bewies er seinen Lebenswillen. Ein

paar Tage später durfte er wieder auf unsere Station. Jedoch so ganz der

alte war mein Sohn nicht mehr. Er konnte seinen linken Arm nicht mehr

richtig bewegen und auch sein linkes Bein sackte weg, wenn ich einwenig

mit ihm laufen wollte. Hinzu kam sein linkes Auge. Andre` sagte uns, das

es darauf schwarz war. Jedoch konnte er mit ihm gucken, wenn er das

rechte Auge zu hielt. Sein Gehirn schaltete das linke Auge einfach aus.

Ich muss dazu sagen, das mein Spatz aber nicht gleich mit der Sprache

raus kam, er behielt es erstmal einige Tage für sich. Man, wie hätte ich

mir doch für Andre` gewünscht, das er sich alle Wut, alles Unerträgliche

einfach mal von der Seele schrie! Denn was kann ein Mensch..., ein KIND

alles ertragen? Wie sieht es in dieser kleinen Seele aus? Aber er tat es

nicht, er versuchte zu kämpfen, mit jedem Tag auf` s Neue.

Ich denke oft, das er auch meinetwegen so war, er wollte nicht das ich mir

Sorgen um ihn machte.

 

Nach diesem Ereignis buchten wir unsere LEGOLAND- Reise. Sie sollte

vom 14.04- 21.04.07 sein. Wir freuten uns schon alle drauf. Andre` freute

sich besonders darüber, das seine Schwester, klein Fanzi und Markus

auch mit kamen, die ganze Familie. Tja, aber leider sollte es zu dieser

Reise nicht mehr kommen, dafür sorgten diese verdammten Tumore in

Andre` ` s Kopf. Am 12.04. bin ich morgens durch Andre` ` s weinen wach

geworden. Er hatte starke Kopfschmerzen. Wir fuhren sofort ins KH

und wieder wurde ein Not- CT veranlasst. Mein Spatz hatte wieder

Hirndruck und die Tumore waren weiter gewachsen. Sein Zustand

verschlechterte sich zusehends. Nach langem hin und her beschloss

man, Andre` erneut zu operieren, das war der 13.04.07. Soweit möglich

sollten die Tumore entfernt werden. Der Neurochirurg sagte uns damals,

das dies keine lebensrettende, sondern lediglich eine lebensverlängernde

OP sei. Auch wenn man das selbst wusste, waren diese klaren Worte sehr

durchgehend. Man will nicht wirklich wahr haben, das sein Kind vor

einem für immer geht.

 

Andre` wurde also ein drittes Mal operiert. Wieder saßen wir bangend vor

dem OP und warteten. Als wir dann zu ihm durften, war Andre` ` s erstes

Wort :“HUNGER!!“ Ich war so glücklich..., das war mein Junior. Es

schien ihm gut zu gehen. Er war halt eine Kämpfernatur. Am nächsten

Tag durfte Andre` wieder auf unsere Station. Als sein Lieblingspfleger,

der Froschmann, rein kam und fragte, wie es ihm ginge, antwortete Andre`

wie immer:“ Gut.“ Eigentlich hat Junior nie etwas anderes gesagt, es ging

ihm immer gut. Es war so bewundernswert. Es sah also alles gut aus, die

OP schien doch die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Doch dann, es

war der Sonntag, 15.04., klagte Andre` über Kopfschmerzen. Er bekam

Schmerzmittel. Es tut so weh, wenn man neben seinem Kind sitzt und ihm

nicht helfen, die Schmerzen nicht nehmen kann. Die Schmerzen wurden

nicht besser, also bekam Junior stärkere Mittel, TRAMAL. Aber selbst das

half Andre` schon nicht mehr, so das er dann MORPHIN bekam. Dadurch

schlief er dann nur noch. Er war nicht ansprechbar. Ich saß vor seinem

Bett und erzählte mit ihm, auch sagte ich ihm, das er für sich das richtige

tun solle. Es tat so weh, ihn so da liegen sehen zu müssen. Ich vermisste seine

Stimme, sein verschmitztes lächeln. Er lag nur da und schlief.

 

Der Tag, an dem Andre` für sich entschied, was das richtige für ihn war,

kam am 24. April 2007.

Ich weiß noch, wie ich an diesem Morgen zu ihm sagte, das er doch wenigstens

einmal die Augen öffne solle, damit ich sehe das er noch da ist.

Das tat er kurze Zeit später auch..., in dem Moment als er sich von mir

verabschiedete. Er schaute mich die ganze Zeit an und ich streichelte ihn,

bis er dann für immer seine Augen schloss und mit einem Lächeln in seinem

Gesicht einschlief..., mein Spatz der großer Kämpfer. Ich bin so dankbar,

das ich die ganze Zeit bei ihm sein konnte. Die Vorstellung, ich wäre in

diesem Moment nicht bei ihm gewesen, hätte mich wahnsinnig gemacht.

 

Ja, mein Andre` war ein Kämpfer. Seiner Stärke habe ich es zu verdanken,

das ich nicht abstürze, das ich nicht resigniere, so schwer manches auch zu

ertragen ist. Denn das letzte für Andre `wäre gewesen aufzugeben..., sich

aufzugeben.

 

MEIN SPATZ, ICH BIN DANKBAR FÜR JEDEN TAG,

DEN ICH MIT DIR VERBRINGEN DURFTE...

ICH LIEBE DICH 

Irgendwann werden wir uns wieder sehen und ganz fest in die Arme schließen

mein Spatz......

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